Sacrosanctum Concilium: Die Liturgiereform des Konzils
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Wer heute eine katholische Messe besucht, erlebt einen Gottesdienst in der eigenen Sprache, mit Lesungen durch Gemeindemitglieder und einer Gemeinde, die antwortet und singt. Das war nicht immer so. Den Anstoß gab ein Dokument, das am 4. Dezember 1963 verabschiedet wurde.
Das erste Wort des Konzils
Das Zweite Vatikanische Konzil tagte von 1962 bis 1965 in Rom. Das erste Dokument, das die rund 2000 Bischöfe verabschiedeten, war die Konstitution über die heilige Liturgie. Nach ihren ersten lateinischen Worten heißt sie Sacrosanctum Concilium – „das Heilige Konzil“. Am 4. Dezember 1963 stimmten 2147 Konzilsväter dafür und nur vier dagegen; Papst Paul VI. setzte das Dokument am selben Tag in Kraft.
Dass die Liturgie am Anfang stand, war kein Zufall. Seit Jahrzehnten hatte die sogenannte Liturgische Bewegung, stark geprägt von Klöstern wie Maria Laach und Theologen wie Romano Guardini, eine Erneuerung des Gottesdienstes vorbereitet. Das Konzil griff diese Arbeit auf.
Der Kerngedanke: tätige Teilnahme
Das Schlüsselwort der Konstitution lautet participatio actuosa, meist übersetzt mit „tätige“ oder „volle, bewusste und tätige Teilnahme“. Die Gläubigen sollen die Messe nicht wie Zuschauer eines fremden Geschehens verfolgen, sondern mitfeiern: antworten, singen, hören, schweigen, beten. Die Liturgie wird als Werk der ganzen Gemeinde verstanden, nicht nur des Priesters.
Wichtig ist dabei ein Punkt, der oft übersehen wird: Tätige Teilnahme bedeutet nicht Beschäftigung um jeden Preis. Das Dokument nennt ausdrücklich auch das heilige Schweigen als Form der Teilnahme. Wer innerlich dabei ist, nimmt teil – auch ohne ein Wort zu sagen.
Latein, Choral und Orgel
Anders als viele denken, hat das Konzil das Latein nicht abgeschafft. Die Konstitution hält fest, dass der Gebrauch der lateinischen Sprache in den lateinischen Riten erhalten bleiben soll, und öffnet zugleich der Muttersprache weiten Raum. Auch der Gregorianische Choral soll als der eigentliche Gesang der römischen Liturgie einen besonderen Platz behalten, und die Pfeifenorgel wird als traditionelles Instrument hoch geschätzt. In der Praxis setzten sich in den Jahren nach dem Konzil dennoch fast überall die Landessprache und neues Liedgut durch.
Von der Konstitution zum neuen Messbuch
Das Dokument selbst beschreibt Grundsätze, keine fertigen Texte. Die eigentliche Reform erarbeitete ein eigenes Gremium, das „Consilium“. 1970 erschien das neue Römische Messbuch Pauls VI., 1975 die verbindliche deutsche Ausgabe. Parallel wurde das Stundengebet neu geordnet, ebenso die Feiern von Taufe, Firmung, Trauung und Begräbnis. Auch die großen Feiern der Kar- und Osterwoche erhielten ihre heutige Gestalt; die Osternacht war bereits in den 1950er-Jahren erneuert worden.
Debatten bis heute
Kaum ein Konzilsdokument hat so viele Diskussionen ausgelöst. Den einen ging die Umsetzung zu weit: Sie vermissen die Feierlichkeit, die Einheit der lateinischen Kultsprache und die Ausrichtung von Priester und Gemeinde gemeinsam nach Osten. Den anderen ging sie nicht weit genug. Die Päpste haben in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Akzente gesetzt, zuletzt mit Regeln zur Feier der Messe nach dem Messbuch von 1962.
Einig sind sich die meisten Beteiligten in einer Beobachtung: Die Konstitution selbst ist behutsamer formuliert als manches, was später in ihrem Namen geschah. Wer mitreden will, sollte deshalb den Text lesen – er ist kürzer, als man denkt, und auf der Website des Vatikans auch auf Deutsch zugänglich.
Worum es im Kern geht
Die Konstitution beschreibt die Liturgie als „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ – so sinngemäß einer ihrer bekanntesten Sätze. Gottesdienst ist danach nicht Programm oder Veranstaltung, sondern Begegnung mit Gott, zu der die Gemeinde gerufen wird. Aus diesem Gedanken erklärt sich auch, warum Theologen bei manchen Gewohnheiten skeptisch sind – etwa beim Applaus im Gottesdienst.
Zum Weiterlesen: Sacrosanctum Concilium (Text auf vatican.va) · Sacrosanctum Concilium in der Wikipedia