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Stundenbücher und Stundengebet: Beten im Takt des Tages

Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit

Seit fast zweitausend Jahren beten Christen zu festen Zeiten am Tag: am Morgen, am Abend, vor der Nacht. In Klöstern gibt dieses Stundengebet dem ganzen Leben seinen Rhythmus. Das Buch dafür heißt Stundenbuch oder Brevier – und es ist längst nicht mehr nur etwas für Priester und Ordensleute.

Aufgeschlagenes Brevier aus dem Jahr 1518, gedruckt für die Familie Frankopan
Aufgeschlagenes Brevier aus dem Jahr 1518, gedruckt für die Familie Frankopan · Krsto Frankopan and Appolonia Lang, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

„Siebenmal am Tag singe ich dein Lob“

So heißt es im längsten Psalm der Bibel, Psalm 119. Schon das Judentum kannte feste Gebetszeiten, und die ersten Christen übernahmen diese Praxis. In der Apostelgeschichte gehen Petrus und Johannes „zur Stunde des Gebets“ in den Tempel. Paulus fordert die Gemeinde in Thessalonich auf, ohne Unterlass zu beten. Aus diesen Wurzeln entstand das Stundengebet, lateinisch Liturgia Horarum: ein Netz von Gebeten, das den Tag heiligen soll.

In den Klöstern entfaltete es sich vollständig. Die Regel des heiligen Benedikt aus dem 6. Jahrhundert ordnet den Tagesablauf der Mönche nach den Gebetszeiten – ora et labora, bete und arbeite. Alles andere richtet sich danach.

Tagesuhr des Stundengebets mit Laudes am Morgen, Terz, Sext und Non tagsüber, Vesper am Abend und Komplet vor der Nacht LaudesTerzSextNonVesperKompletHaupthoren: Laudes, VesperKleine Horen und KompletLesehore: zu jeder TageszeitUhrzeiten nur als Richtwert
Die Gebetszeiten über den Tag verteilt – die Uhrzeiten sind nur Anhaltspunkte.

Die Horen im Überblick

Die einzelnen Gebetszeiten heißen Horen (von lateinisch hora, Stunde). Seit der Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind es diese:

  • Lesehore: längere Lesungen aus der Bibel und den Kirchenvätern; sie kann zu jeder Tageszeit gebetet werden.
  • Laudes: das Morgenlob. Hier hat der Lobgesang des Zacharias, das Benedictus, seinen Platz.
  • Terz, Sext und Non: kurze Gebete am Vormittag, zu Mittag und am Nachmittag, zusammen auch „Kleine Horen“ genannt. Wer nur eine betet, spricht von der Mittagshore.
  • Vesper: das Abendlob mit dem Lobgesang Marias, dem Magnificat.
  • Komplet: das Nachtgebet vor dem Schlafengehen mit dem Lobgesang des Simeon, dem Nunc dimittis.

Laudes und Vesper sind die beiden Haupthoren, die „Angelpunkte“ des Tages, wie es in den kirchlichen Dokumenten heißt.

Wie eine Hore aufgebaut ist

Laudes und Vesper folgen einem festen Muster: Eröffnung, Hymnus, zwei Psalmen und ein Gesang aus dem Alten oder Neuen Testament, eine kurze Lesung, ein Antwortgesang, der Lobgesang aus dem Evangelium, Fürbitten, Vaterunser, Schlussgebet und Segen. Eine Hore dauert, ruhig gebetet, etwa 15 bis 20 Minuten. Die Komplet ist kürzer und endet mit einem Gruß an Maria.

Den Kern bilden immer die Psalmen. Im heutigen Stundenbuch sind sie auf einen Zyklus von vier Wochen verteilt. Wer ein Jahr lang regelmäßig betet, kommt so fast durch den ganzen Psalter – mit Lob, Dank, Bitte und Klage, also mit allen Grundformen, die im Beitrag Das Beten mal anders gesehen beschrieben sind.

Vom Brevier zum Stundenbuch

Im Mittelalter wurde das Stundengebet in mehreren großen Büchern gefeiert. Für Reisende und Priester in der Seelsorge entstand eine Kurzfassung in einem Band: das Brevier (von lateinisch breviarium, Auszug). Parallel gab es für wohlhabende Laien kostbar bemalte „Stundenbücher“, die heute zu den Schätzen der Buchmalerei gehören.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde das Stundengebet gründlich überarbeitet; die lateinische Ausgabe erschien 1970/71, die deutsche in drei Bänden zwischen 1978 und 1980. Seitdem wurde sie mehrfach ergänzt. Ausführlicher zur Reform steht im Beitrag über Sacrosanctum Concilium.

So fängt man an

Das vollständige Stundenbuch ist mit seinen Bänden, Eigenfesten und Wochenzyklen für Anfänger verwirrend. Es gibt aber einfache Wege:

  1. Mit einer Hore beginnen. Die Komplet eignet sich besonders gut: Sie ist kurz, wiederholt sich im Wochenrhythmus und passt in jeden Abend.
  2. Eine Kleinausgabe verwenden. Es gibt einbändige Auszüge mit Laudes, Vesper und Komplet, die leichter zu handhaben sind.
  3. Digitale Hilfen nutzen. Mehrere kirchliche Anbieter stellen die Texte des Tages online oder als App bereit, sodass das Blättern entfällt.
  4. Gemeinsam beten. Viele Klöster laden Gäste zur Vesper ein; manche Pfarreien und Hochschulgemeinden bieten regelmäßige Abendgebete an.

Wer das Stundengebet eine Weile übt, merkt, wie es den Tag strukturiert. Es entlastet sogar: Man muss keine eigenen Worte finden, sondern stimmt in ein Gebet ein, das rund um die Welt zur selben Stunde gesprochen wird. Und die Psalmen, einmal vertraut, werden zu Begleitern, die in der stillen Betrachtung weiterklingen.

Zum Weiterlesen: Stundengebet in der Wikipedia · Stundenbuch in der Wikipedia

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