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Das Beten mal anders gesehen: Formen, Haltungen, Anfänge

Aktualisiert am · 4 Min. Lesezeit

Viele Menschen verbinden Beten mit gefalteten Händen und auswendig gelernten Formeln aus der Kindheit. Die christliche Tradition kennt aber einen erstaunlichen Reichtum an Gebetsformen – vom Psalm bis zum Schweigen, vom Kniefall bis zum Spaziergang. Ein Blick auf die Vielfalt kann helfen, den eigenen Zugang zu finden.

Vier Grundformen des Gebets: Lob, Dank, Bitte und Klage LobGott um seiner selbst willen preisenDankEmpfangenes wahrnehmenBittefür sich und andere eintretenKlageNot und Zweifel aussprechen
Die vier Grundformen des Gebets, wie sie schon in den Psalmen vorkommen.

Mehr als eine Wunschliste

Im Alltag beten viele Menschen vor allem dann, wenn sie etwas brauchen: vor der Prüfung, im Krankenhaus, wenn die Angst wächst. Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste – die Bitte ist eine der ursprünglichsten Formen des Gebets, und Jesus selbst lädt ausdrücklich dazu ein. Doch wer nur bittet, erlebt Gebet leicht als Handel, der aufgeht oder eben nicht.

Die Bibel kennt ein breiteres Spektrum. Im Buch der Psalmen, dem ältesten Gebetbuch von Juden und Christen, stehen vier Grundhaltungen gleichberechtigt nebeneinander: Lob, das Gott einfach um seiner selbst willen preist; Dank für das, was gelungen ist; Bitte für sich und andere; und die Klage, die Schmerz, Zorn und Zweifel ungeschönt ausspricht. Gerade die Klagepsalmen zeigen: Beten muss nicht fromm klingen. Man darf Gott auch sagen, dass man ihn nicht versteht.

Mit fremden und mit eigenen Worten

Es gibt zwei große Wege zu beten, und beide haben ihren Wert.

Vorformulierte Gebete wie das Vaterunser, das Gegrüßet seist du, Maria oder die Psalmen tragen, wenn eigene Worte fehlen. Sie verbinden mit Millionen anderer Menschen, die dieselben Worte sprechen, und mit Generationen vor uns. Wer müde, traurig oder leer ist, kann sich in sie hineinfallen lassen.

Freies Gebet dagegen ist wie ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Es braucht keine besondere Sprache. Ein ehrlicher Satz – „Ich weiß nicht weiter“ oder „Danke für diesen Tag“ – ist Gebet. Viele verbinden beides: ein vertrautes Gebet zum Anfang, dann eigene Gedanken, zum Schluss wieder ein bekanntes Wort.

Der Körper betet mit

Beten ist keine rein geistige Tätigkeit. Die christliche Tradition kennt eine ganze Sprache von Haltungen: Stehen als Zeichen der Auferstehung und der Bereitschaft, Knien als Ausdruck von Demut und Anbetung, Sitzen zum Hören und Betrachten, das Ausstrecken der Arme wie in alten Darstellungen betender Menschen, die Verneigung, das Niederwerfen bei der Priesterweihe und am Karfreitag. Jede Haltung verändert auch die innere Einstellung.

Gleiches gilt für den Atem. Die Mönche der Ostkirche entwickelten das Jesusgebet, bei dem ein kurzer Satz im Rhythmus des Atmens wiederholt wird. Mehr dazu steht im Beitrag über christliche Meditation. Wer merkt, dass ihm ruhige Körperübungen helfen, sich zu sammeln, findet in einer maßvollen Yogapraxis vielleicht einen guten Vorlauf zum Gebet; was dabei zu bedenken ist, erklärt der Beitrag über Yoga-Arten und die christliche Sicht.

Beten ohne Worte

Manchmal ist Schweigen das ehrlichste Gebet. Die Mystikerinnen und Mystiker aller Jahrhunderte haben beschrieben, dass Beten irgendwann weniger mit Reden als mit Dasein zu tun hat. Teresa von Ávila verglich das innere Gebet mit dem Verweilen bei einem Freund, von dem man weiß, dass er einen liebt. Man muss nicht die ganze Zeit reden, um zusammen zu sein.

Auch Gehen kann Gebet sein. Pilger wissen das seit Jahrhunderten: Der gleichmäßige Schritt beruhigt, die Landschaft öffnet, Gedanken ordnen sich. Ein Rosenkranz in der Tasche, ein Psalmvers im Kopf – schon wird aus dem Spaziergang eine Andacht.

Wenn es nicht klappt

Jeder, der betet, kennt Zeiten, in denen nichts zu spüren ist. Die Gedanken wandern zur Einkaufsliste, der Satz fühlt sich hohl an, Gott scheint weit weg. Die geistlichen Lehrer raten übereinstimmend: dranbleiben, nicht bewerten, einfach wiederkommen. Treue ist wichtiger als Gefühl. Wer sich einen festen Rahmen sucht, wird von der Regelmäßigkeit getragen, auch wenn die Stimmung schwankt.

Einen solchen Rahmen bietet seit fast zwei Jahrtausenden das Stundengebet, das den Tag in feste Gebetszeiten gliedert. Es wurde lange nur in Klöstern gebetet, ist aber heute für jeden zugänglich, der es probieren möchte. Und wer Schutz und Beistand sucht, kann auf kurze, alte Gebete zurückgreifen – etwa das Gebet zum Erzengel Michael.

Zum Weiterlesen: Gebet in der Wikipedia · Psalmen in der Wikipedia

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